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Wie wird man ein guter Kämpfer? - kampfsport,art of fight [entries|archive|friends|userinfo]
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Wie wird man ein guter Kämpfer? [Dec. 8th, 2004|12:31 pm]
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[santo_chico]
Natürlich durch Training. Wie wir aber alle aus Erfahrung wissen, gibt es Training, welches schnell zum Ziel führt, und Training, welches weniger effizient scheint.

Aber was steckt hinter einem guten Training?
Welche Übungen bringen schnellen Fortschritt, welche kosten nur unnötig Zeit?
Welche Übungen sind wichtiger als andere?
Was bewirken die einzelnen Übungen, wo schaden sie?
Um diese Fragen zu lösen, gibt es nur den klassischen Weg:

Die Analyse des Trainings und des Kampfes durchführen, um diese in ihre kleinsten wirksamen Bausteine zu zerlegen.
Rationalisieren, d.h. verstehen wie diese einzelnen Bausteine funktionieren, was sie bewirken und welche Kausalitäten sie verbinden.
In Abhängigkeit vom Trainingsziel die Synthese der kleinen Bausteine zu einem neuen, möglichst wirksamen Trainingsprogramm, um dieses Trainingsziel in möglichst kürzester Zeit zu erreichen.
Wozu braucht man die Theorie?

Um die kleinsten Bausteine des Trainings zu verstehen, braucht man Theorien über deren Wirkungsmechanismen.

Dazu zunächst das Beispiel der Heilkunst:

Wie im Kampfsport hat auch die Heilkunst die –wie auch immer geartete– Behandlung des menschlichen Körpers zum Ziel. Seit dem Altertum hat sich die Heilkunst kontinuierlich entwickelt, auch wenn oft genug Fehlentwicklungen dabei waren.
Aber die Kampfkunst, die ebenso alt ist, hat sich kaum entwickelt – vielleicht liegt es daran, daß Zerstören immer leichter als die Wiederherstellung ist und in der Kampfkunst sehr oft das Ziel ohne großes Üben erreicht werden konnte.

Die Heilkunst heißt heute Medizin. Ein angehender Arzt lernt im Studium mehr als alle ‘Medizinmänner’ des Altertums zusammen: Die alten ‘Medizinmänner’ wußten vermutlich wenig von der Funktion des menschlichen Körpers. Sie haben sich Wissen und Erfahrung hart an ihren leidenden ‘Opfern’ erarbeitet.

Bevor der Mediziner heute einen Patienten behandeln darf, hat er also vieles von dem, was früher die ‘Erfahrung’ und das besondere Wissen einiger Heiler war, als Theorie erlernt – er braucht sich dieses Wissen nicht mehr am Patienten als Erfahrung zu erarbeiten. Wissen in der Kampfkunst


Und wie sieht es in der Kampfkunst aus?
Es wird viel geschrieben über asiatische Philosophien, über mystische Dinge. Aber leider gibt es heute kaum etwas über den Kampf an sich, was vom Niveau dem Standard einer (westlichen) Wissenschaft standhält.

Vieles von dem, was wir heute im Training sehen, ist von der Sportwissenschaft für ganz andere Sportarten, insbesondere den olympischen Sportarten, erarbeitet worden.

Wer ein kampfsportliches Training verfolgt, wird meist eines der beiden Szenarien erblicken:
Entweder werden ganze Trainingsteile aus anderen Sportarten übernommen (z.B. fast reinrassige ‘Gymnastik’ zum Aufwärmen) oder es werden auch einfachste trainingswissenschaftliche Grundsätze ignoriert, weil ein falsches Verständnis von Härte dominiert.

Um es nicht falsch zu verstehen: Härte gehört ins Training, nämlich dort, wo die Kampfsituation geübt wird. Aber der größte Unsinn wird als Tradition gepflegt, besteht aus Übungen, die schon als ‘Aufwärmübungen’ Gelenke, Bandscheiben und anderes schädigen – und das ohne die Einwirkung eines echten Gegeners.

Im Endeffekt verzögert falsch angewendete Härte die gewünschte Entwicklung eines Schülers im Kampfsport. Aber –und da schließt sich der Kreis– wie soll es ohne ein tieferes Verständnis von Training je besser werden! Die Rolle der Theorie


Theorie gehört natürlich ins Training. Sie ist nicht Selbstzweck, um sich den Schülern als großer Meister zu präsentieren, sondern sie liefert die Hilfsmittel, um das Trainingsziel schneller zu erreichen.
Sie soll auch nicht das praktische Üben durch Geschwätz über die ‘wahre Kampfkunst’ und die tausend Möglichkeiten, einen speziellen Angriff abzuwehren, ersetzen. Kampfsport ist kein Schach, wo ganze Bücher über Kombinationen existieren, mit denen man bestimmte Angriffe beantwortet.
Es nutzt auch nichts, im Ernstfall über Theorien nachzudenken. Wenn es wirklich ernst wird, muß das Verhalten des Kämpfers das Ergebnis richtig angewendeter bzw. vermittelter sein.

Andererseits muß man auch eine freie Diskussion über Dinge zulassen. Nur weil sich heute niemand vorstellen kann, daß es brauchbar ist, heißt das nicht, das neue Ideen immer unbrauchbar sein werden.

Auch hierzu ein Beispiel aus der Mathematik:

Primzahlen gehören ins Reich der Zahlentheorie, die man auch die ‘Königin der Mathematik’ nennt. Lange waren sie eine schöne Beschäftigung für lange Abende, bis sie von der Kryptologie entdeckt wurden.
Heute machen Geheimdienste und Militärs mit Supercomputren Jagd auf immer größere Primzahlen, um die eigenen Nachrichten sicher zu verschlüsseln und die geheimen Nachrichten des Gegners möglichst schnell zu entschlüsseln.
Vieles von dem, was früher Grundlagenforschung oder schöne Spielerei schien, ist heute anerkannte Theorie mit erheblichen wirtschaftlichem Potential. Also lassen wir der Tehorie in der Kampfkunst Zeit, sich zu entwickeln, auch wenn der Nutzen nicht sofort absehbar ist. Wozu dient eine Theorie?


In seinem Buch ‘Eine kurze Geschichte der Zeit’ beschreibt Stephen Hawking, was eine brauchbare Theorie erfüllen muß:

Sie muß bekannte Erscheinungen korrekt beschreiben
Sie muß zukünftige Ereignisse vorhersagen können
Alles andere ist egal. Wenn die Theorie gute Ergebnisse liefert und gleichzeitig davon ausgeht, daß die Erde eine Scheibe ist, macht das nichts.

Hierzu ein Beispiel aus der Astronomie:

In der Astronomie aus praktischen Gründen immer noch das geozentrische Modell verwendet, bei dem die Erde im Mittelpunkt steht. Unter dieser Annahme veröffentlichen Astronomische Jahrbücher die Ephemeriden von Sonne, Mond und Sternen, obwohl wir natürlich alle ‘Wissen’, daß sich die Erde um die Sonne dreht. Wohlgemerkt, es handelt sich hier um die Astronomie, nicht um die Astrologie (Wahrsagerei).
Wie entsteht eine Theorie?

Theorie oder theoretische Wissensvermittlung begegnet uns überall in unserem Leben: In Schule, Ausbildung und Beruf lernen wir viel und lange Theorie.

Ingenieure (und die Naturwissenschaftler) lernen im Studium, wie sie aus einem vorhandenen praktischem Problem eine Theorie machen. Damit soll dann nicht nur dieses eine Problem erklär- und lösbar gemacht werden, sondern eine ganze Klasse von ähnlichen Problemen.

So sollte es auch im Kampfsport sein: Wir trainieren praktisch und versuchen aus der Praxis heraus mit unter Anwendung unserer Erfahrung und unseres Wissens die Probleme grundsätzlich zu lösen. Damit kommt man auch schon zum Zusammenhang zwischen Wissen und Erfahrung


Erfahrungen existieren unabhängig von Theorie oder Wissen. Wir können Erfahrung in Wissen und Theorie umwandeln und so an eine nachfolgende Generation von Schülern weitergeben.

Wir können auch oft mit Theorie Erfahrungen vermeiden, weil Erfahrungen manchmal schmerzhaft, schädlich und immer sehr langsam entstehen.

Theorie und Erfahrung gehen oft ineinander über:

Ein Teil der Erfahrung eines erfahrenen Kämpfers kann zu einer Anweisung für einen Anfänger gemacht werden. Beispiele dafür sind Angriffsziele, Trainingsmethoden, Trainingsaufbau, Aufbau und Zusammenhang einzelner Übungen, Ziele dieser Übungen.
Ein anderer Teil der Erfahrung kann nicht übertragen werden. Wie man schlägt, die verschiedenen Reaktionen auf Angriffe und alles, was Körpererfahrung voraussetzt, muß durch eigene Erfahrung bei jedem Menschen neu gewonnen werden.
Wenn theoretisches Wissen verloren geht, weil z.B. der Trainer seinen Schülern nicht alle Geheimnisse verraten hat, dann baut sich wieder Erfahrung auf und setzt sich an die Stelle der Theorie.
Anders ausgedrückt: Man muß sich wieder die Mühe machen, vergessenes Wissen wieder mühevoll neu zu finden.
Kann man Theorien in starre Formen packen?

Kann durch das Festlegen von Trainingsformen auf eine theoretische Basis verzichtet werden! Nun, die Erfahrung zeigt, daß die meisten Trainer sich bemühen, ihren Unterricht zu verbessern. Wenn sie dabei auf alte, wohldurchdachte Trainingsformen stoßen, deren Sinn sie nicht verstehen, kommt es vor, daß diese Trainingsformen modifiziert werden.

Wir kennen das inflationäre Anwachsen der Verbände und Stile im Kampfsport und hinter jedem Verband steht ein ‘verbessertes’ Prüfungsprogramm.

Außerdem besteht bei festgelegten Trainingsformen das Risiko, daß Teile falsch überliefert werden und sich so Mutationen einschleichen.

Fazit: Nur wer versteht, was er tut, kann auch die bestmöglichen Formen bewahren und auf diesem hohen Niveau eine Verbesserung anstreben. Lernt man mit der richtigen Theorie schneller!


Das die Frage hat zwei Antworten:

Die Vermittlung der Theorie muß schneller und effektiver möglich sein, als das sammeln von Erfahrung möglich ist.
Man muß die ‘richtige’ Theorie haben. Richtig heißt hier, die Theorie, die auch zum Problem paßt und es möglichst gut+einfach erklärt.
Punkt (1) ist halte ich in den meisten Fällen für gegeben, zumal die Theorie der Kampfkünste nicht so umfangreich ist. Im Training steigt der Lernerfolg, wenn der Lehrer alle ‘Kanäle’ benutzt, auf denen der Schüler ‘empfangsbereit’ ist. Bei einer körperlichen Betätigung bleibt naturgemäß einige Zeit.

Punkt (2) ist dagegen viel schwieriger. Was ist eine gute Theorie?

In den Naturwissenschaften haben sich Theorien und Modelle über lange Zeit entwickelt. Früher glaubte man, daß z.B. Wärme ein Stoff sei, und die Verbrennung wäre nichts anderes als das Entweichen dieses Stoffes aus dem brennenden Körper. So konnte man auch erklären, daß Dinge durch die Verbrennung oft leichter wurden. Die Entwicklung der Thermodynamik und der Chemie hat solche Vorstellung zu Gunsten besserer Modelle über Bord geworfen.

Und im Kampfsport? Da müssen wir wohl noch ein bißchen warten und entwickeln..
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Comments:
From: (Anonymous)
2010-07-24 05:31 am (UTC)

Kampfsport

Viel zu langweilig und viel zu lang :P
(Reply) (Thread)